Freud und Leid – Ein Single auf Krücken

Ich lebe nun seit 3 Wochen auf Krücken. Hört sich witzig an, ist es aber nicht. Denn ich durfte die ersten 2 Wochen den Fuss gar nicht und danach nur mit 20kg belasten.

Dies bedeutet, dass ich jeden Gang auf Krücken zurücklegen muss, selbst 2 Schritte gehen ohne die Krücken nicht. Springen ist verboten, denn der kleine Zeh wurde gebrochen und durch das Springen könnte ich ja die Bruchstelle wieder erweitern.

Zwar habe ich noch mindestens 1 Woche vor mir, aber viel passieren wird nicht mehr, daher nutze ich den Hausarrest, Euch einmal zu erzählen, wie das so ist, wenn man auf Krücken ein Singleleben lebt.

Fangen wir mit dem Wichtigsten an

  1. Duschen –  auf einem Bein duschen ist nicht gerade ungefährlich, ich habe nur eine Badewanne mit Duschvorhang und da Badewanne bekanntermaßen nicht ebenerdig sind, bin ich jedesmal heilfroh, wenn ich fertig bin. Für mich bedeutet das höchste Konzentration, nicht umzufallen, mich festhalten und vor allem, das Gleichgewicht zu balancieren.

2. Toilettengang –  kennt ihr das? Ihr wacht mitten in der Nacht auf und springt schnell ins Bad? Vergesst es! Während ihr Krücken habt, überlegt ihr jedesmal, wenn ihr überhaupt aufsteht, ob ihr auf Toilette müsst oder nicht. Jede Chance wird genutzt, es könnte ja sein, dass man schnell mal ‚muss‘. Denn wie so oft, sobald ihr gemütlich auf der Couch liegt und die angenehmste Position habt (nicht vergessen, der Fuss ist dick und schmerzt und ihr müsst Euch nach dem Fuss richten, wie ihr Euch legt),  müsst ihr aufs Klo. DAS ist ungeschriebenes Gesetz, dass sowohl für die Couch als auch fürs Bett gilt. Ihr liegt gemütlich und in dem Moment meldet sich die Blase. Jetzt heisst es nicht aufspringen, sondern Krücken sortieren, Schuh anziehen (auf Socken kann man nur ausrutschen, auch das ist Gesetz) und loshumpeln.

3. Lagerkoller –  für Menschen wie mich, die immer draussen unterwegs sind und nun nur die kürzesten Wege gehen dürfen, ist dass das Schlimmste, da liegen die Nerven blank. Ich bin gereizt und froh um jede Minute, die ich raus aus dieser Wohnung komme.  Wenn dann 2 Menschen aufeinander treffen, deren Nerven blank liegen, kann das in einem Riesenkrach enden (leider passiert)

4. Schmerzen –  es schmerzt alles. Die Wunde ist das geringste Problem, aber mein Po, Bänder, Sehnen schmerze vom ungewohnten Sitzen, die Fussballen auf Aufliegen, die Hände vom Aufstützen auf den Krücken

5. Kochen –  jedes einzelne Lebensmittel muss aus dem Kühlschrank zum Herd getragen werden und nicht nur das, auch jeder Teller, jeder Topf, nur beim Besteck gehts schneller. Das kostet Zeit und Nerven.

6. blöde Sprüche – denkt ja nicht, dass Ihr viel Mitleid bekommt, denn jeder redet frei nach dem Motto „wer den Schaden hat, braucht für den Spott nicht zu sorgen“ und wenn man zum X.sten Mal den gleichen dummen Spruch hört, dann ist das nicht mehr lustig. Nein, Eure Sprüche sind nicht kreativ

7. Einkaufen – ich hatte meinen Kühlschrank so gut gefüllt, dass ich fast 3 Wochen davon leben konnte, aber gestern war ich einkaufen, meine Schwester war dabei, aber einfach war es nicht. Ich wäre auch alleine gegangen, da ich dann den Rucksack genommen hätte, aber ich kann ja vor Ort keinen Einkaufswagen schieben (ich darf immer noch nicht hüpfen, das wurde mir explizit verboten)

8. Transportieren –  ich habe mir angewöhnt, einen Umhängetasche immer bei mir zu tragen, damit ich „unterwegs“ immer etwas mitnehmen kann, was mir gerade über den Weg läuft. Unterwegs hört sich lustig an, ist aber tatsächlich nur innerhalb der Wohnung und selbst da sind die kürzesten Wege plötzlich weite Strecken, die viel Anstrengung brauchen und Kraft kosten

9. Essen auf der Couch? vergesst es, ihr schafft es nie, den angerichteten Teller ins Wohnzimmer zu bekommen. Ich esse nur noch in der Wohnküche, auf der  Couch gibts höchstens Lebensmittel, die man verpackt mitnehmen kann, Schokolade, Chips, Eis und eventuell noch ein Brot, dass ich dann in der Brotdose transportiere

10. Trinken auf der Couch ? Klar, verschlossene Flaschen im Umhängebeutel gehen immer, Kaffee nur in Travelmugs.

11.mein größter Horror? Ich habe YouTube an und plötzlich kommt Helene Fischer. Ich kann diese Frau nun mal nicht leiden, ich mag ihre Musik nicht, von Atemlos hatte ich bereits Alpträume und was passiert? ich steh in der hintersten Ecke der Küche und aus dem Wohnzimmer ertönt plötzlich Helene F. Bis ich im Wohnzimmer war, war das Lied zu Ende und ich hatte einen unerträglichen Ohrwurm. Seitdem google ich nach dem Helen Fischer Blocker

12. Selbstständigkeit – vergesst das Wort. Für einen selbstständigen Single der Horror!! OK, in der Wohnung geht es noch, aber alles, was weiter wie 100 Meter entfernt ist, wird zur Qual, ob es zum Arzt geht, zum Supermarkt, zum Gottesdienst (2 x im Jahr geh ich), oder nur zum Briefkasten, um dem verlorenen Freund noch seine letzten Dinge zuzuschicken, damit man einen Schlussstrich ziehen kann. Entweder quält man sich selbst, kommt kaputt zu Hause an oder man braucht Jemanden, der einen fährt. Selbst schwere Türen zu öffnen sind eine Qual

13. Hilfe – hach was ich nicht lache. Die wenigsten helfen (ausser den Eltern)!! 2 x hatte ich bereits die Situation, dass man einfach die Autotüren auf der Straße offen lies, es einen nicht interessierte, dass da Jemand mit Krücken entlang kam und kaum laufen konnte, sondern rücksichtslos weitermachte. Platz machen nur mit Widerwillen (soll sie halt zu Hause bleiben) und selbst die wenigsten Besucher denken mit und räumen mal was weg, was rumsteht.

14. Ordnung –  was ist das? ich hatte meine Wohnung auf Hochglanz gebracht, nach 3 Wochen sieht es aus, wie wenn eine Bombe eingeschlagen hätte. Die Ostertischdecke liegt immer noch auf dem Tisch, da ich sie alleine nicht wegräumen kann. Da liegen Krümel von den Muffins rum, die die Gäste gegessen haben, da will ich die Decken natürlich erstmal ausschütteln. Der Boden müsste mal gekehrt werden, meine Couch abgesaugt, den Müll bekomme ich zur Mülltonne, in dem ich ihn von einer Stufe zur Nächsten trage, dann hinterherhumpel und dann wieder auf die nächste Stufe etc – meine Eltern sind fast 80J , die machen eh genug, da will ich nicht noch, dass sie sich damit abquälen.

15. Rolladen hoch, Rolladen runter – Licht an, Licht aus – während ich dies schreibe geht die Sonne unter, also Rolladen hoch (davor hatte sie mich geblendet)!! Licht an. Also, Rechner zur Seite, Krücken nehmen, losgehen, hinsetzen. Macbook ins andere Zimmer tragen geht auch nur mit Tasche. so wie alles

16. Langeweile – ich bin kein großer TV-Schauer, aber was bleibt mir übrig, ich kann mich momentan nicht auf Bücher konzentrieren – zwar versuche ich am Rechner zu arbeiten, aber von morgens bis nachts am Rechner zu sitzen, wird auf Dauer auch langweilig, schlafen geht auch nicht, denn wovon soll man denn müde sein und in die pralle Sonne darf ich nicht, da das nicht gut für die Wunde ist. Die Freunde sind alle arbeiten – insofern besteht immer die Gefahr des Tods durch Langeweile und der kommt dem Lagerkoller gleich

17Ausserhalb Eurer Wohnung ist gutes Wetter? ein Event? ein Ausverkauf? egal, da ist Leben – Herzlichen Glückwunsch – aber allerdings ohne Euch

Highlights

Es gibt natürlich auch Highlights

  1. Die Mutter eines Klassenkameraden hat das erste Mal seit Jahren wieder mit mir geredet. Normalerweise grüßen wir uns nur
  2. Ältere Damen heben mir die Krücken auf, wenn sie mir hinfallen, normalerweise müsste ich ja für die älteren Damen da sein
  3. viele viele Menschen fragen, was los ist? Holen mir auch mal nen Kaffee etc. ich geh ja nicht wirklich weg, aber nach dem Gottesdienst gab es Kaffee und Kuchen und alle waren hilfsbereit
  4. Gäste, whatsapps, Genesungswünsche über Facebook und instagram. Wer sich alles nach meiner Genesung erkundigt hat, ist wirklich überwältigend, selbst aus Athen kamen Grüße.
  5. Freunde –  ja jetzt beweist sich mal wieder, wer Freund ist, wer mich besucht oder mir auch mal schnell was erledigt oder seine Hilfe anbietet, mich zu einem Ausflug abholt etc
  6. Muskeln – ob ihrs glaubt oder nicht, ich kann jetzt locker 65kg stemmen 🙂 ich habe richtige Oberarmmuskeln bekommen

Es gibt viele auf und Abs, aber ich mach wirklich 100 Kreuze, wenn ich normal laufen darf und selbstständig mein Leben bestimmen kann. Denn das Allerschlimmste sind die 16 Stufen  in das Erdgeschoss. vor 3 Tagen war ich so fertig, dass ich fast heruntergefallen wäre, mich hatte die Kraft verlassen.

Sollte mir hier noch etwas einfallen, werde ich sicherlich dies nachtragen. Ich bin schon froh, dass ich den Kühlschrank voll hatte und genug Travelmugs und Brotdosen, um mein Leben nicht nur in der Küche zu verbringen .

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9 Gedanken zu “Freud und Leid – Ein Single auf Krücken

  1. Pingback: Taylor Bunion, Die Zeit nach der Operation | thesun68

  2. Duschen, An- und Ausziehen war für mich der Horror, als ich für 4 Monate ausser Gefecht gesetzt war. Bei dir kommen ja noch etliche Sachen dazu. Ich stimme dir voll und ganz zu, mit der Hilfe ist es so eine Sache. Schade, Wiesbaden ist einfach zu weit weg… 😦 . Aber bald ist es soweit und du kannst alles nachholen, was du in deiner „Krückenzeit“ verpasst hast…. Wünsche dir trotzdem einen schönen, „langweiligen“ Tag. Pass auf dich auf. Liebe Grüße, britti

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    • Nochmal 3 Monate und ich erschiess mich .. mein Ex hat das 9 Monate durch gemacht, aber ich hab ihm ja bei allem Geholfen (nur nicht beim duschen 🙂 ) – aber so ganz alleine ist das echt hart LG Sigrun

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