von der Oberflächlichkeit der heutigen Zeit

Sorry, dass ich am Jahresende gleich so ein ernstes Thema behandle, aber es ist gerade sehr aktuell und es liegt mir sehr daran, meinem Unmut Luft zu machen.

Am 30.12. wurde eine Komparsenkollege von mir tot in seiner Wohnung gefunden.  Wer es war, und wie er hieß, tut nichts zur Sache.  Er war immer lustig drauf, war manchmal sehr anstrengend und ansonsten ein netter Kerl. Es ist nicht so, dass ich ihm das nicht auch gesagt habe, ich bin da sehr ehrlich.

Ich habe in vor 4 Jahren kennengelernt und nahm in mal mit zu einer Veranstaltung, da ich eine Karte zuviel hatte und er der Erste war, der auf meinen Post, wer mit kommen möchte, reagierte. Hin und wieder drehte man zusammen, hatte aber sonst keinen Kontakt.

Er postete pausenlos auf Facebook, immer lustige Dinge, reimte gerne.

Ich war dort zwar mit ihm befreundet, aber da er nicht zu meinem engeren Freundeskreis gehörte, hatte ich  ihn nicht abonniert,. Es war  mir zuviel gewesen ist, was täglich auf seiner Seite erschien.

Am 25.12 postete er, der Lustige und Witzige, einen sehr ernsten Post. Er wünschte allen Freunden ein Frohes Fest und beschrieb, wie schlecht es ihm Gesundheitlich ging.  ich glaube, es waren 10 likes und 12 Gute Besserungswünsche.

Wie man im Nachhinein lesen konnte, hatte er am 26.12 noch mit Jemandem telefoniert.

Wann er verstarb, weiß ich nicht. Er wurde 4 Tage später, am 30.12.  von der Polizei tot aufgefunden.

Als dies bekannt wurde, fing die Facebookgemeinde an, wach zu werden und überbot sich mit  R.I.P.Wünschen. Eine Dame wollte eine Gedenkfeier organisieren und fragte nach, ob er Familie in seinem Wohnort hätte –  sie scheint ihn also kaum gekannt zu haben, sonst wüsste sie es. Der Nächste postete den letzten Chatverlauf, um zu demonstrieren, dass er sich „gekümmert“ hat. Mehrer Menschen, die noch Kontakt hatten, sich sorgten, als er sich dann nicht mehr gemeldet hätten.

Insgesamt waren es innerhalb von 12h über 785 R.I.P. Einträge.

785 Menschen, die ihn plötzlich vermissen.  Wo waren diese Menschen, als er einen Hilferuf absandte, als er schrieb, dass er kaum laufen kann? Warum hat sich keiner ins Auto gesetzt und nach ihm geschaut, dass er auch etwas zum Essen und trinken hat, wenn es ihm so schlecht ergeht, wo waren die angeblich besten Freunde und haben ihm Medikamente gebracht?

„ich habe danach nichts mehr gehört“ – wahrscheinlich, weil ihm die Kraft fehlte.

Er war bekannt wie ein bunter Hund, ein Blogger hatte ihm einen Blog gewidmet („ich habe ihn zwar nur 3 mal getroffen … “ oder auch “ er war Komparse und in vielen Tatorten zu sehen .. „) und trotzdem starb er einsam.

Ich habe nichts gepostet und nur in einer anderen Gruppe mit einem trauriges Smiley reagiert, mehr wäre verlogen gewesen. Ich fand ihn nett, aber anstrengend, was ich ihm auch sagte.  Hätte ich ihn nicht leiden können, hätte ich ihn nicht mit zur Veranstaltung genommen und natürlich finde ich es traurig, wenn jemand stirbt, vor allem unter so tragischen Umständen.

Ich bin entsetzt über die Verlogenheit, über die Oberflächlichkeit und über die Inszenierung einiger Menschen auf Facebook, die sich nun alle damit profilieren möchten, ihn gekannt zu haben. Wenn man aber noch nicht einmal weiß, ob jemand Familie hat, dann weiß man eigentlich nichts über einen Menschen  und wenn man nicht einfach mal vorbeifährt, wenn man plötzlich nichts mehr hört oder liest (wie gesagt, er war ein Vielposter) dann kann es keine Freundschaft gewesen sein.

Ein sehr bekannter und angeblich ach so beliebter Mensch ist alleine und einsam gestorben. Hat aber über 750 Nachrufe auf seinem Account – Dies ist an Oberflächlichkeit kaum noch zu überbieten.

 

PS: ja ein

4 Gedanken zu “von der Oberflächlichkeit der heutigen Zeit

  1. Sehr traurig. Ein like vergeben geht auch schneller als zu sagen : hey, weißt du , ich mag gerade was du gesagt hast / gepostet hast… es ist sehr traurig und es wurde so viel mehr in den letzten Jahren. Wir sind oberflächlich ja, absolut alle , manche seltener als die anderen. Leider ist die Zeit immer knapp, sich wirklich in eine Person reinzuversetzen und versuchen zu verstehen, warum einer traurig ist oder unerfüllt . Immer hetzen wir irgendwohin oder meinen wir müssten gerade schnell weiter …

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  2. Viruelle Freunde und Profile haben nichts mir der Realität zu tun. Ein „Like“ in der realen Welt wäre ein anerkennendes Nicken oder Beifall für eine gelungene Veranstaltung.

    Leider wird das immer noch nicht von allen veerstanden.

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    • Dies ist mir durchaus bewusst. in der heutigen Zeit werden selbst neue Visitenkarten gefeiert und bewundert, dass man sich nur noch wundern muss

      Aber Partypeople sind oberflächlicher wie Facebook, nur dann auch noch so zu heucheln, find ich persönlich nun einmal schlimm .

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