Traditionen und Kulturen

Seit ein paar Tagen mache ich mir Gedanken um Traditionen.

Leider muss ich ja immer wieder feststellen, dass andere Länder viel traditioneller leben, wie wir hier. Kann sein, dass ich das auch falsch empfinde aber wir in Deutschland verändern unsere Traditionen, weil wir sie altbacken finden und in unseren Nachbarländern ist man stolz drauf und zelebriert sie.

Für mich gibt es einige, die mir Heilig sind, vor allem jetzt zur Weihnachtszeit. Erste Plätzchen werden am Buß- und Bettag gebacken, auch wenn es ihn nicht mehr als Feiertag gibt (warum, werde ich nie verstehen), so backen wir in unserer Familie  an diesem Tag die ersten Plätzchen, Weihnachtsdekorati0n wird erst nach dem Totensonntag aufgestellt und der Weihnachtsbaum steht v0m 24.Dezember bis 06. Januar.

In Worms hat man den Weihnachtsmarkt 1 Woche früher eröffnet, was überall zur gr0ssen Entrüstung s0rgte, aber man argumentierte damit, dass man im Einzelhandel ebenfalls Weihnachtsgebäck angeboten bekommt.

Ich verweigere sämtlichen Vor-Advents-Kaufrausch. Bei mir wird erst ab Montag nach dem Totensonntag eingekauft. Da schmeckt übrigens alles genauso frisch wie 4 Wochen vorher, ist ja auch s0 ne Argumentation, „aber im September ist ja noch alles frisch“ Ja, glauben diese Menschen denn, dass die Ware im Dezember nicht frisch produziert ist und man die Maschinen ab oktober abgestellt hat?

Das ist mir sogar sehr wichtig, denn wie kann man z. B.  am Totensonntag, wenn andere Menschen gemeinsam ihrer Lieben gedenken, die sie im vergangenen Kirchenjahr verloren haben und sich gegenseitig Halt geben und trauern, zu Hause sch0n fröhlich die Vorweihnachtszeit anleiern

Es gibt Menschen, die stellen mitten in der Adventszeit den Weihnachtsbaum auf und sagen, dass sie dies tun, da sie ja sonst nix v0m Baum haben.  Schmücken ihn aber dann schon zu Silvester ab. Die wenigsten davon fahren in den Urlaub oder gehen arbeiten.  Aber gibt es nichts Schöneres als strahlenden Kinderaugen, wenn man an Heilig Abend die gut verschlossenene Wohnzimmertür öffnet und sie bewundernd v0r dem Baum und dessen Licht stehen bleiben. Gerade die Vorfreude ist doch das, was am meisten Spass macht.

Bei uns gibt es auch Würstchen und Kartoffelsalat an Heilig Abend. Das wird bereits seit Generationen so gehandhabt und ich find das toll.

Als ich in USA gelebt habe, habe ich mich den amerikanischen Gegebenheiten angepasst, an Heilig Abend feierten die Deutschen Au Pairs zusammen, am 25.12. lebten wir die amerikanische Tradition. in den Niederladen an den niederländischen Feiertagen und Tradition teilgenommen und mich auch damit befasst, warum es diese Tage gibt. in Österreich am Bauensilvester teilgenommen. Aber zeitgleich nie meine Tradition vergessen.

Traditionen sind mir genauso wichtig wie Kulturen, ich bin fasziniert von alten Kulturen, die der Deutschen als auch derer anderer Länder. ich würde am liebsten durch die Welt ziehen und die Kulturen erforschen.

Entsprechend geschockt war ich vor ein paar Tagen, als ich beim Raclette-Essen erfuhr, dass die Mutter der Gastgeberin zu Hause Bücher ausgemistet hat und 400 Jahre alte Bücher weggeworfen hatte. 400 Jahre. Das muss man sich mal vorstellen, ein Lexikon konnten wir retten, das war so interessant zu lesen, wie man damals die Welt gesehen hat. Zu Hause habe ich dann recherchiert und einige Bücher waren, je nach Zustand, mehrere 100€ wert. Das Antiquariat hatte wohl am Telefon gesagt, dass man sich nicht dafür interessierte, aber ich habe im Ausland Antiquariate gefunden, die starkes Interesse an diesen Büchern gehabt hätten und Suchanzeigen geschaltet hatten. Selbst vom Geld abgesehen, (der Schwiegersohn sollte sie verkaufen und hat selbst keine Interessen an Kulturgütern) wirft man diese Sachen nicht weg. Da kann ich nur den Kopf schütteln

So modern  ich auch teilweise bin, war einer der ersten Au Paris, die organisiert nach USA gegangen sind, meine Kitchen Aid gehört zu den ersten in Deutschland, Apple-Produkten, Chucks, ner hippen Marketingausbildung an nem Privatinstitut, Jobs bei Disney, Ferrari oder bei Diageo (Baileys, Smirnoff, Talisker etc) , den Halt für dieses bewegte Leben, mit den vielen Internationalen Jobs, den Unmengen an Kollegen, die ich je hatte und habe, diesen Halt und auch die Kraft, bekomme ich durch die Wurzeln, die ich mit den bei uns gelebten Traditionen im Einklang mit der Moderne lebe.

Es sind unsere Wurzeln, die uns stark werden und wachsen lassen. Wie bei einem Baum, wenn man gute starke Wurzeln hat, dann kann er gut wachsen und es kommen ständig neue Triebe. Die Japaner leben nach diesem Prinzip. Sie halten stark fest an das, was seit Jahrhunderten gelebt wird und doch sind sie technologisch immer auf dem Neuesten Stand.

PS. was ich am aller allerschlimmsten empfinde, ist die Neuinszenierung von Märchen, Literatur und Klassikern. Grimms Brüder würden sich im Grabe umdrehen, wenn sie sehen würden, wie ihre gesammelten Werke verändert wurden und auch Johanna Spyri’s Heidi wird immer mehr verunglimpft.